Lilian Haberer

time is the longest distance

 Talisa Lallai & Markus Saile

 

Galerie Nathalie Halgand präsentiert Talisa Lallais und Markus Sailes Ausstellung Time is the longest distance

 

Blicke dringen durch Oberflächen, durchmessen semitransparente Schichten, folgen den Texturen und finden keinen festen Halt. Vielmehr suchen sie den durch Licht, Handlung, Emulsion oder Malmittel entstandenen Einschreibungen ins Bild zu folgen und einer Distanzierung durch die gewählten Bildformate. Bewegungen der Augen und des Sinns werden in der Ausstellung Time is the longest distance von Talisa Lallai und Markus Saile unmittelbar aktiviert. Denn die fotografischen und bildnerischen Arbeiten sind diaphan, demnach durchscheinend: Ihre Strukturen und Farbebenen überlagern sich, bleiben aber dennoch sichtbar. Als Begriff aus der Architektur beschreibt das Diaphane eine Staffelung von Ebenen und Räumen, die durch Licht transluzent werden. Wie Maurice Merleau-Ponty in Eye and Mind betont, vereint der Körper im künstlerischen Prozess, der sowohl den aktiven des Sehens, Bewegens als auch den passiven des Sichtbaren und Bewegtwerdens umfasst, widerstreitende Momente, die sich von der Produktion der Bilder bis hin zu den Besucher*innen in den Räumen der Galerie übertragen. Eben das Sicht- und Wahrnehmbare reflektieren Lallai und Saile in ihrer künstlerischen Praxis jeweils über andere Medien, aber in ähnlicher Weise über ihre Arbeit am Bild. Dieses eignen sie sich an als etwas, das sich in und mit der Zeit entfaltet.

 

So verwendet die in Düsseldorf lebende Künstlerin Talisa Lallai (*1989, Frankfurt am Main) Fotomaterial aus privaten Familienalben unterschiedlicher Jahrzehnte, Sehnsuchtsmotive und Reisebilder, die sie auf Flohmärkten findet und scannt. Damit erzeugt sie eine Distanz zur Patina des Fotos und seiner Materialität durch Alterungs- und Gebrauchsspuren, auch im Hinblick auf seine Geschichte, die aus einem persönlichen Kontext heraus zu einem kulturell wie historisch exemplarischen dokumentarischen Bild wird: wie bei der klassischen Ägyptenaufnahme The Pyramids sound lonely tonight (2017), die sie ebenso wie ein Schmuckmotiv des ägyptischen Pharaohs Tutanchamun als großformatige Prints auf Zeitungspapier reproduziert hat. Indem Lallai eine analoge in eine digitale Aufnahme überführt, die für die Ausstellung kleinformatig geplottet und in dunklem Eichenholzrahmen präsentiert wird, konserviert sie zugleich die Fotografie in ihrem Zustand und macht diese in der Ausstellung als ästhetisches und mitunter nostalgisches Erinnerungsobjekt zugänglich. Die verschiedenen, auch im Bild bewahrten Zeitebenen werden über den Prozess des Findens, Auswählens und Reproduzierens durch maschinelles Abtasten nachvollziehbar. Für die Ausstellung in der Galerie Nathalie Halgand hat Lallai Reiseansichten ausgewählt, die eine Ausgrabungsstätte wie auch einen ägyptischen Kontext nur andeuten und das Durchscheinende hervorheben. Viel entscheidender jedoch sind die entstandenen Farbveränderungen sowie abstrakt-plastische Formen, die durch Feuchtigkeit einen Schimmelpilz hervorgerufen und mit diesem in die fotografische Oberfläche eingegriffen haben. Neben den erkennbaren Bildelementen werden der Aufnahme andere Strukturen und damit eine neue taktile Ebene hinzugefügt: So sind in Mold (Blue) von 2017 durch den Pilz vermeintliche Überblendungen oder Höhlenstrukturen zu sehen. Sie sind nun Teil der Archäologie des Bildes geworden, die neben der fotografischen Belichtung eine Geschichte der schädigenden Einwirkungen auf das fotografische Objekt erzählen. Darin entwickeln sie wiederum eine eigentümliche, expressionistische und abstrakte Sinnlichkeit.

 

Sind die fotografischen Arbeiten Talisa Lallais gleichsam als Zeitdokumente wie auch als Indikatoren der zeitlichen Verfallsprozesse in der Ausstellung gegenwärtig, so werden bei den Bildern des in Köln lebenden Künstlers Markus Saile (*1981 in Stuttgart) unterschiedliche Zeiträume der Bearbeitung und Überarbeitung seiner objekthaften Bildträger aus MDF oder Sperrholz erkennbar. Die matte Anmutung der Oberflächen lässt einerseits die dichte Grundierung und die unendliche Folge dünn lasierter Schichten nur erahnen. Andererseits entstehen über die Fluidität und (Selbst)bewegung der durch Malmittel verflüssigten Farbe wie auch der Bearbeitungsspuren Einschreibungen in das Material, die wie bei den Fotoarbeiten als zeitliche Handlungen in Erscheinung treten. Der opake und dennoch helle Grund des Bildes wird zum Austragungsort für unzählige Überarbeitungen, die zunächst in Schichten entstanden und überdeckt, dann freigewaschen, und -geschliffen die verschiedenen Zustände gleichzeitig hervortreten lassen und wiederbeleben. Mit dieser gegenläufig operierenden, subtilen Technik adressieren seine für die Ausstellung ausgewählten klein- und mittelformatigen Bildwerke die Betrachter*innen unmittelbar. Einige Arbeiten, etwa das Quer- und das leichte Hochformat (beide ohne Titel, 2016), lassen in dem, was sie zu sehen geben, dem Display ähnlich eine Frontalität erkennen. Diese Qualität hat Jan Verwoert ebenfalls für die amerikanische Farbfeldmalerei beschrieben. Durch die aus Grundierung verdichteten Bildkanten, die das Format betonen, entsteht ein Kontrast zur belebten Fläche, der diese Arbeiten als analoge Screens erscheinen lässt. Die Spezifika der Maltechnik treten wie bei einem fotografischen Close-Up zugunsten der Farbtextur und -reflexion zurück – ähnlich wie bei den Farbexperiment-Fotoarbeiten von Wolfgang Tillmans. Der bereits im abstrakten Expressionismus gängige All-over-Effekt des Bildes wird von Markus Saile über die Verdichtung der Ränder und Fluidität in der Fläche experimentell genutzt: So öffnet er seine Bildräume zu einer visuell vibrierenden Membran.

 

Werden in Talisa Lallais Fotoarbeiten die Verselbständigung von Formen und Farbüberblendungen zur Abstraktion wie bei Mold (Blue) und Mold (Pink) von 2017 wirkmächtig, so ist in Markus Sailes Bildwerken eine gegenläufige Tendenz zu beobachten: Struktur und Form entstehen über die Eigenbewegung der Farbe, sind daher ungegenständlich. In der Überlagerung der tonigen Lasuren, zufälligen Verläufe und hellen Akzente, wie bei dem Querformat ohne Titel (2016), lassen die Texturen der sich diaphan überlagernden Schichten Höhlenwände mit Stalaktiten assoziieren und haben damit wieder eine Nähe zur farb- und strukturveränderten Fotoaufnahme.

Lallai und Saile arbeiten beide – wenn auch unterschiedlich – mit Taktilität und Distanzierung, in ihren Bildpraxen ohne Hierarchisierungen bleiben Auge und Bewegung ständig stimuliert. Ihr prozessuales Verfahren der Bildfindung ist somit nicht nur in der Produktion, sondern auch im Umgang mit gefundenem, historischem und erneut bearbeitetem Material ein zeitliches, mit dem sie verschiedene Räume durchmessen. Time is the longest distance – der Ausstellungstitel legt nahe, dass die gleichzeitige Betrachtung unabsehbarer Dauer und eines bestimmten Zeitraums Zeitschichten freilegt (wie sie Reinhart Koselleck bereits in seinem gleichnamigen Aufsatz für die Geschichte konstatierte), die nicht nur Historisches verzeitlicht betrachten lassen, sondern hier vor allem den Prozess der Bildfindung reanimieren.

Lilian Haberer