Nadine Droste

Das und  gleicht dem Chamäleon

 

Markus Sailes erste Einzelausstellung in der Galerie Markus Lüttgen ist die präzise Betrachtung der strukturellen Offenheit, die der Produktion von Bedeutung vorausgeht. Sie trägt den Titel „Das und gleicht dem Chamäleon“* und widmet sich dem Paradox der Konjunktion ‚und’, ohne konkreten Ausdruck zu sein und zugleich eine endlose Verkettung möglicher Relationen herstellen zu können. Als Bruchstelle der Sprache kommt dem ‚Und’ sowohl verbindende als auch trennende Funktion zu. Seine Sprengkraft liegt darin, durch relationale Differenzierungen Kontexte zu produzieren, über die sich Bedeutung erst konstituiert. Gilles Deleuze und Félix Guattari schreiben vor diesem Hintergrund in Tausend Plateaus: „‚In dieser Konjunktion liegt genug Kraft, um das Verb ‚sein’ zu erschüttern und zu entwurzeln.“

In „Das und gleicht dem Chamäleon“thematisiert Saile die potentielle Veränderbarkeit von Ordnungen, indem er das sprachliche Paradox des ‚Und’ in den Kontext des Visuellen überführt. In seinen Malereien erfährt das Moment der Trennung und Verbindung eine gänzlich neue Qualität. Denn in dem Maße, wie Saile die Linearität der Sprache überwindet und in den Bild- und Ausstellungsraum übersetzt, eröffnet er die Möglichkeit der Darstellung von Gleichzeitigkeit. Es zeichnet Sailes künstlerische Praxis aus, Striche undSpuren, Malmittel undFarbe, Gesten und Formen sowie Bild undTräger zugleich sichtbar zu machen. Seine Ölbilder erscheinen wie ineinander verschränkte Zustände, die stets im Wandel begriffen sind, Momentaufnahmen eines Prozesses, in dem die Koexistenz von Gegensätzen immer wieder aufs Neue Bestimmungen produziert. 

In der Galerie Markus Lüttgen hat Saile seine Arbeiten auf Metallplatten angeordnet, um eine weitere, konjunktive Ebene zu schaffen und neue Relationen zwischen ihnen zu ermöglichen. Die Platten fügen sich in die Architektur der Räume ein, rahmen diese, um sie zugleich zu unterbrechen, Türrahmen zu überschreiten oder Raumecken neu zu definieren. Die matt scheinende Farbe des Metalls eröffnet einen Kontrast zu der transparenten Erscheinung, die Sailes Malereien durchzieht. Es ist das Potential des Zwischenzustands, die immerwährende Möglichkeit der veränderten Betrachtung, die der Künstler in dieser Ausstellung evoziert. Denn zwar, so stellt Kurt Schwitters fest, kann man „[d]en Ausdruck des Wortes ‚und’ [...] nicht malen“, Saile aber lässt ihn erfahrbar werden.  

* Zitat von Peter Bexte