Christoph Schreier

Schwebezustände der Malerei
Markus Sailes Gemälde im Springhornhof

 




Die Ausgangssituation ist für jeden Maler seit Hunderten von Jahren dieselbe. Er steht einer leeren, gänzlich unstrukturierten Bildfläche gegenüber, auf deren Herausforderung er – grundsätzlich betrachtet – in zweifacher Weise reagieren kann. Zum einen mag er das Ziel verfolgen, die Fläche mit Farbe zu bedecken und damit zu bestätigen, also eine Kongruenz von Bild und Gestaltung herzustellen, und zum anderen kann er gegen die formalen Prämissen opponieren, malend das Bildformat transzendieren und es solchermaßen vergessen machen.

Letzteres gilt für die klein- und mittelformatigen Gemälde von Markus Saile, deren schwebende Farbigkeit in einem deutlichen Kontrast zur harten Geometrie des Bildobjekts und zur stabilen Physis des Bildträgers steht. Seit der Jahreswende 2008/2009 benutzt er MDF-Platten als Malgrund, was Farbe und Farbauftrag, die sich nicht – wie bei Leinwand – mit dem Grund verbinden, ein hohes Maß an Eigenständigkeit belässt.
1 Greifbar wird diese ‚Unabhängigkeitserklärung‘ der malerischen Handlung schon unmittelbar vor dem Materialwechsel zur Holzfaserplatte in einem Bild wie „ohne Titel“ aus dem Jahre 2008,2 das deshalb kurz beschrieben werden soll. Es handelt sich um ein gestrecktes Hochformat, dessen horizontaler Farbauftrag sich nur im oberen Bereich an den Vorgaben der Bildgrenze orientiert. Akkurat folgt hier Pinselzug auf Pinselzug, bis Saile mit dieser Systematik bricht. Dies geschieht im Übergang zum mittleren Bilddrittel, wo die Pinselzüge, kraftvoll akzentuiert, nach unten wegbrechen. Ab hier erlangt die Farbe eine fließend-transparente, fast atmosphärische Qualität, so dass sie eine ganz eigene, vom Künstler nicht mehr völlig kontrollierbare Prozessualität entfalten kann. Sich mal verdichtend, dann wieder entgrenzte Bildräume eröffnend, scheint Sailes Malerei hier in einen anderen Aggregatzustand überzuwechseln. Während sie die Fläche im oberen Bildbereich farbig ‚beschichtet‘, wirkt die Farbe im unteren Bereich wie entmaterialisiert, luzid und schwebend zugleich.

Dies ist ein Merkmal der meisten jüngeren Arbeiten des Kölner Malers, der manchmal wie ein später Erbe der englischen Aquarellisten des 18. und 19. Jahrhunderts erscheint, die die changierende Himmelsbläue und die ephemere Erscheinung der Wolken festzuhalten suchten. Sein Medium allerdings ist die Ölmalerei, der er freilich jede Materialität, jede Festigkeit und Konsistenz austreibt. Er verdünnt die Farben stark mit Terpentin, was ihnen auf dem Kreidegrund eine besondere Weichheit und Transparenz verleiht. So verzichtet Malerei auf alle Physis und wird ganz Erscheinung, ausgestattet mit einem hohen Maß an koloristischer Verführungskraft. Saile ist ein Farbmaler, der es versteht, die Töne und Farbtemperaturen so zu orchestrieren, dass sich ihre Wirkung wechselseitig verstärkt. In langen Arbeitsphasen stimmt er die Farben aufeinander ab, und nur selten setzt ein einzelner Pinselzug einen deutlichen Akzent.

Ein Beispiel hierfür ist immerhin „ohne Titel“
3, ein Gemälde mit weichen Beige- und Ockertönen, dessen Bildfeld von einem doppelten, sich überlagernden dunkelgrünen Pinselstrich beherrscht wird. Geradezu ostentativ exemplifiziert er die malerische Handlung, die bei ihm jedoch nie in isolierte Gesten zerfällt. Das wird auch an dem genannten Beispiel deutlich. Denn Saile kontextualisiert den grünen Farbakzent, indem er ihn durch einen formverwandten Pinselzug in der linken unteren Ecke ‚wiederholt’ und durch eine wolkig-zarte Nachbarform kompositionell einbindet. Auf diese Weise wandelt sich die vermeintlich autokratische Setzung zu einem Strukturelement, das der Aktivierung der gesamten Bildfläche dient. Und genau darum geht es Saile: nicht um die individuelle Spur, sondern um die lebendige Fläche, die sich immer wieder zu imaginären Räumen weitet. Charakteristisch für seine Gemälde sind daher die lichten Bildräume, die sich oft zum Zentrum hin öffnen beziehungsweise vertiefen.

Auch in der Ausstellung auf dem Springhornhof waren einige Werke zu sehen, die diese kompositionellen Merkmale aufweisen. In Abwandlung des barocken Repoussoirmotivs, das die Illusion der Raumtiefe steigert, rahmen Farbschleier eine leuchtende Mitte, die eine fast schon überwirkliche Strahlkraft besitzt.
4 Mit gutem Grund mag sich der Betrachter deshalb an Bildkonzepte der Romantik, speziell an Werke Caspar David Friedrichs erinnert fühlen. Denn auch in seinen „Kreidefelsen auf Rügen“5 rahmen reich ausgeführte Randmotive den Blick auf eine an sich leere Mitte: Drei Personen, zwei Männer und eine Frau, reflektieren von einer – durchaus prekären und im wahrsten Sinne des Wortes randständigen – Position jene Grenze, die sie vom Absoluten, dem Jenseitigen trennt. Auch wenn es unerreichbar bleibt, dann werden die Naturfreunde seiner doch zumindest ansichtig, treten das nahe Hier und das ferne Dort in einen Dialog.

Trifft dies nicht auch für Sailes Werke zu? Sicher fehlt ihnen die religiöse, die spirituelle Stoßrichtung eines Caspar David Friedrich, und dennoch ist die Assoziation nicht abwegig, da auch bei Saile eine bescheiden dimensionierte Bildfläche unendliche Bildräume eröffnen kann. Verlieren werden wir uns nicht in ihnen, da die Helligkeit dieser Zonen auf die Bilderscheinung zurückwirkt und die Farben in besonderer Weise aufscheinen lässt. So verbinden seine Arbeiten konkrete Sinnlichkeit mit dem strahlenden Aufleuchten von etwas Immateriellem, das sich jeder formalen Verfestigung entzieht. Mit gutem Grund mag man Markus Saile deshalb als einen Maler der Übergänge bezeichnen. Das Fließende und Prozessuale seiner Bilder initiiert eine Wahrnehmung, die, statt Gewissheiten zu suchen, sich ganz dem Abenteuer des Sehens überlässt.

 


1 Markus Saile schätzt den Widerstand des Materials beim Malen. Zudem erlauben die MDF-Platten ein Abwaschen der Farbe, wenn die kompositionelle Anlage des Bildes einen anderen Farbklang erfordert.

 

2 Markus Saile, ohne Titel, 2008, Öl auf Leinwand, 100 x 60 cm, Privatsammlung.
 

3 Markus Saile, ohne Titel, 2011, Öl auf MDF/Holzfaserplatte, 77 x 62 cm, Sammlung Bohn, Bonn.
 

4 Vgl. hierzu etwa: Markus Saile, ohne Titel, 2011, Öl auf MDF/Holzfaserplatte, 31 x 27 cm,  Kunstverein Braunschweig (Jahresgabe 2011), oder Markus Saile, ohne Titel, 2012, Öl auf MDF/Holzfaserplatte, 26 x 27 cm, Sammlung Kaufmann, Berlin.
 

5 Caspar David Friedrich: „Kreidefelsen auf Rügen“, um 1818, Öl auf Leinwand, 90,5 x 71 cm, Stiftung Oskar Reinhart, Winterthur.

Markus Saile

non-travail

Kunstverein Springhornhof

6. April – 9. Juni 2013